Der Berliner CMD-Qualitätszirkel widmete sich einem komplexen Thema

Am 10. März 2017 veranstaltete der Berliner CMD-Qualitätszirkel unter Leitung von Dr. Andrea Diehl ein Seminar zum Thema „Faszien und CMD“. Mehr als 80 Teilnehmer kamen an das Philipp-Pfaff-Institut und erlebten ein Feuerwerk an Informationen.

Zahnärzte, Kieferorthopäden, Zahntechniker, Orthopäden, Osteopathen, Physiotherapeuten … – nur selten treffen so viele Professionen in einem Hörsaal zusammen. Diese interdisziplinär-ganzheitliche Wissensvermittlung ist Credo der Initiatorin des CMD-Qualitätszirkels, Zahnärztin Dr. Andrea Diehl (Berlin). Sie und ihr Team haben mit dem Seminar „Faszien und CMD“ einen Nerv der Zeit getroffen. Vier Referentinnen – ein Tenor: Alles hängt mit allem zusammen.

„Geheimnisvolle“ Faszien

Lange Zeit von der Schulmedizin unterschätzt, stehen Faszien – faseriges Bindegewebe, das Knochen, Muskeln und Organe umhüllt – zunehmend im Fokus. Die Osteopathin Katja Dams (Potsdam) zeichnete in ihrem Vortrag ein verständliches Bild von der dreidimensionalen kollagenen Gitterstruktur.

Unterteilt werden die Funktionen der Faszien in vier Gruppen, „… die 4P´s“:

  1. Packaging: Faszien verhüllen und verbinden innere Körperstrukturen.
  2. Protection: Faszien schützen körperliche Strukturen.
  3. Posture: Faszien halten die Strukturen an ihrem Platz
  4. Passageway: Faszien bilden Gefäßautobahnen für Nerven, Arterien, Venen und Lymphgefäße.

Unter anderem gibt es Faszienverbindungen zwischen Halswirbelsäule und Schädelbasis. Die Halsfaszien umhüllen die oberflächigen Halsmuskeln und Nerven. Sind Faszien verklebt oder verhärtet, treten Beschwerden auf. Im allgemeinen haben Dysfunktionen der Faszien jedoch einen diffusen Charakter, wobei atypische Symptome die Diagnose erschweren.  Katja Dams zeigte, wie sie als Osteopathin mit einer manuellen Behandlung Verklebungen oder Verhärtungen des Fasziengewebes aufspürt und auflöst.

Als Brücke zwischen starren Knochen und flexiblen Muskeln kompensiert der Organismus viel über die Faszien. Dr. Andrea Diehl betonte, dass sie bei einer CMD-Therapie den Zügen der Faszienkette hohe Aufmerksamkeit schenkt, „…. insbesondere bei Frauen, denn die Stellung des Uterus beeinflusst den Kiefer“.

Vielfältige Wechselwirkungen

Die Schnittstelle zwischen Orthopädie und Zahnmedizin thematisierte Dr. Uta Laukens (Berlin). Ihre Botschaft: „Kopfgelenk, obere Halswirbelsäule und Nackenrezeptorenfeld liegen nahe am Kiefergelenk. Seien Sie aufmerksam für diese Region!“ Das Kopfgelenk bildet eine anatomische Einheit mit dem Nackenrezeptorenfeld, einem Bündel spindelförmiger kurzer Muskeln mit wichtiger Steuerfunktion. Das kleine Muskelfeld hat eine große Aufgabe: „Hier werden Sinnesinformationen verarbeitet“, so Dr. Laukens. Zu beachten sei die reflektorische Verknüpfung mit dem Kiefergelenk: „Wenn Sie am Kiefergelenk etwas verändern, bewegen Sie immer etwas im Halswirbelbereich!“ Mit bewusster Redundanz betonte sie, dass Kiefergelenk und Kopfgelenk eine untrennbare Einheit sind. Ein Brückenschlag vom Nackenrezeptorenfeld auf das Kiefergelenk bildet der Nervus Trigeminus. Der fünfte Hirnnerv müsse bei einer funktionellen Kieferproblematik mit betrachtet werden. Weitere wichtige Information: Das Kiefergelenk hat eine Verbindung zur Amygdala (Mandelkernkomplex) als Teil des limbischen Systems, also zum Emotionszentrum. „Stressmanagement,“ lautete an dieser Stelle die Botschaft der Referentin.

Behandlungen der oberen Kopfphänomene erfordern ein hohes Maß an Miteinander und ist im interdisziplinären Rahmen gut zu therapieren.

Dr. Uta Laukens über Kopfgelenk und Nackenrezeptorenfeld

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Funktionelle Kopplungen und die Schienentherapie

„Was mich leitet, ist die Verbindung von M. Sternocleidomastoideus (Teil der Halsmuskulatur) und M. Pterygoideus lateralis (Teil der Kaumuskulatur, Kieferöffner),“ begann Dr. Andrea Diehl ihren Vortrag. Sie zog zunächst Rückschlüsse auf ihre Vorrednerinnen. So seien Dysfunktionen des Muskel-/Faszien-Apparates im Halsbereich sowie die Stellung der Halswirbelsäule mitverantwortlich für funktionelle Veränderungen von Kiefergelenken und Okklusion. Beispielsweise nehme unter Stress die Muskelaktivität der Kieferschließer zu, während die der Kieferöffner abnimmt. Als Konsequenz entsteht eine muskuläre Dysbalance. Aszendierende Einflussfaktoren über die Faszien oder lokale Einflussfaktoren (z.B. Entfernung der Weisheitszähne) können zur einseitigen Abschwächung des M. Pterygoideus lateralis führen. Das betroffene Gelenk verlagert sich in der Regel in dorso-kranial-laterale Richtung. Die Referentin verwies darauf, dass Thielemann in seinem nach ihm benannten „Thielemann’schen Diagonalgesetz“ die Symptome eines solchen Kompressionsgelenkes beschrieben hat. „Auf der Kompressionsseite kann es zu Abrasionen der Inzisalkanten im Bereich der seitlichen Schneidezähne und den Höckerspitzen der Prämolaren kommen. Die Mittellinie wandert zu dieser Seite rüber. Auf der anderen Seite wird das Kiefergelenk extendiert.“

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Hohe Konzentration im vollbesetztem Hörsaal

Ergänzend zur osteopathischen Behandlung müsse die vertikale Ebene eingestellt werden, z. B. mit einer Schienentherapie. Diese zeige aber nur die gewünschte Wirkung, wenn die kieferöffnenden Muskeln in Funktion sind. Die Schienenhöhe muss also geringer als die Ruheschwebelage sein. Dr. Andrea Diehl stellte die zahnfarbene Polycarbonat-Schiene als Snap-on-Variante vor. CAD/CAM-gefertigte Schienen aus Polycarbonat wurden erstmals von Edelhoff et al. zur funktionellen Rehabilitation eines Abrasionsgebisses vorgestellt. Dr. Diehl adaptierte das Konzept zusammen mit ZTM Jaqueline Riebschläger (Zahntechnik Mehlhorn, Berlin). Sie haben ein Protokoll erarbeitet, mit dem die transversale Okklusionskurve korrigiert werden kann. Die zahnfarbene Schiene entspricht in ihrer Funktion zugleich einem Langzeitprovisorium. Das hochvernetzte Polycarbonat kann dünn ausgearbeitet werden, ist relativ flexibel, biokompatibel und neigt kaum zu Verfärbungen. Somit ist der Tragekomfort für den Patienten hoch.

Die transversale Okklusionsebene als Maßstab kann z.B. über CAD/CAM-gestützt gefertigte Polycarbonat-Schienen rekonstruiert werden.

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Dr. Andrea Diehl stellte ein mögliches Vorgehen bei einer Schienentherapie vor.

Kieferorthopädisch korrigiert

Über einen anderen Therapieansatz sprach Dr. Annette Wiemann (Berlin). In der Regel wird die Kieferorthopädin von CMD-Patienten mit intakten Zähnen konsultiert. Sie erinnert: „Das Kiefergelenk steht in der Schlussbissstellung da, wo die Oberkieferzähne es hinschieben“. Müssen Zähne neu positioniert werden, nutzt sie eine Art festsitzende Zahnspange, die Invisalign-Schiene. Die Therapie basiert auf einem sequenziellen Vorgehen. Die Zähne werden innerhalb kurzer Zeit mit mehreren Schienen bewegt. Verfahrensweise: Das Gebiss wird digitalisiert und in der Software die optimale Idealposition simuliert. Basierend auf dieser Vorgabe konstruiert der Computer das CAD-Design der einzelnen Schienen, die bis zum Erreichen der Idealsituation nötig sind. Die Schienenserie wird in einem durchsichtigen Material CAM-gefertigt. Der Patient trägt seine Schiene zirka 22 Stunden am Tag und tauscht sie in der Regel im Rhythmus von zwei Wochen aus. Die Referentin stellte heraus, dass auf diesem Weg nicht alle Zahnbewegungen vorgenommen werden können, beispielsweise seien keine vertikalen Korrekturen (transversale Okklusionskurve) möglich. Sie wies darauf hin, dass es sich bei der vorgestellten Therapie um ein junges Konzept handelt, wozu es noch keine Langzeiterfahrung gibt.

Das beschleunigte Vorgehen mit einer Serie von durchsichtigen Schienen im Rahmen der CMD-Therapie ist im Sinne des Patienten, der häufig unter starken Symptomen leidet.

Dr. Annette Wiemann sprach über die Invisalign-Therapie im Rahmen einer CMD.

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Fazit

Wer dem Seminar auf der Suche nach Relationen beiwohnte, fand eine klare Antwort: Multikausal – alles hängt mit allem zusammen. Die Wichtigkeit des interdisziplinär-ganzheitlichen Therapieansatzes ist mit durchdacht aufeinander abgestimmten Vorträgen hervorragend veranschaulicht worden. Sensibilisiert wurde dafür, Mut zur individuellen Behandlung zu haben und bei entsprechenden Indikationen interdisziplinär agierende Spezialisten hinzuzuziehen.

Annett Kieschnick, Fachjournalistin

Über den Mut, zur individuellen Behandlung

Dr. Andrea Diehl im Gespräch mit einem Teilnehmer